Interview mit einem besonderem Berater

Wenn sich ein Unternehmen einen Berater ins Haus holt, dann geht es in der Regel um Strukturen, Märkte, Produkte und Effizienz. Das dabei der Mensch im Mittelpunkt der Beratung steht ist leider weit weniger der Fall, als es die Marketingtexte der Beratungsunternehmen versprechen. Wir trafen einen Berater, bei dem das wirklich alles anders ist. Ulrich Welzel ist Inhaber der Unternehmensberatung Brain Active und hilft Unternehmen mit Themen wie Trauma und Trauer umzugehen, die auch zur betrieblichen Wirklichkeit gehören.

Herr Welzel, können Firmen trauern?

Ja einige wenige, jedoch kurz. Lassen Sie mich das an einem Beispiel aufzeigen: Nach dem German-Wings-Absturz im März 2015 wurde ich in ein Unternehmen gerufen und die zweite Frage war: „Wann kann die Produktion ungestört weiterlaufen?“ Arbeitssicherheitskräfte sprechen auch in dieser Situation von einem Störfall, was ich befremdlich finde. Das es anders geht zeigt ein Fall wo die Unternehmerin (56) unerwartet verstorben ist. Hier hat die Unternehmensleitung viel getan, um der Trauer der Mitarbeiter und der Kunden Raum zu geben.

In einem Autorenvermerk eines von Ihnen verfassten Fachartikels las ich: Ulrich Welzel – Banker, Unternehmensberater, Hospizbegleiter, Fachbuchautor und Trainer. Das klingt nach: Wer bin ich und wenn ja wie viele? Wie geht das unter einen Hut?

Als Banker hatte ich sehr oft mit älteren und alten Kunden zu tun. Diese Kunden sind mir über die Jahre sehr ans Herz gewachsen. Als die Kunden jedoch mehr und mehr Erkrankten, merkte ich bei mir große Unsicherheit in der Ansprache. Verstarben die Kunden hatte ich es mit trauernden Erben zu tun und war wieder vollkommen unsicher wie eine der Situation angemessene Ansprache aussehen muss, zum Beispiel die schriftliche Kondolenz. In der Ausbildung oder an der Uni lernt das kein Banker, geschweige denn eine Führungskraft. Die Ausbildung zum Hospitzbegleiter und Begleitung Schwerstkranker war ein erster Schritt Einblicke auch in das eigene Verhalten zu bekommen.

Gab es ein besonderes Ereignis, dass Sie auf diesen besonderen beruflichen Weg gelenkt hat?

Ja, dieses finale Erlebnis gab es im Jahr 2008, als drei Erben bei mir im Büro saßen und ich darauf vorbereitet war, mit den Erben über das Vermögen des verstorbenen Vaters zu reden. Dazu kam es gar nicht, weil sich die drei Brüder innerhalb kürzester Zeit über Privates („Du liegst seit 20 Jahren mit meiner Frau im Bett!“) dermaßen in die Haare bekamen, dass es nach 40 Minuten kurz vor einer Schlägerei stand, und mein Kollege schon die Polizei holen wollte. Sie können sich meine Unsicherheit vorstellen. In der Bank gab es keine Lösungen, Hilfen oder Unterstützung von Seiten der Führungskräfte, nur Ratlosigkeit auf allen Ebenen bis hoch zum Vorstand der großen Bank.

Da erinnerte ich mich an einen kurzen Videoausschnitt, den ich im Jahr 2000 gesehen hatte, wo ein Trainer zu sehen war, wie er mit 30 Priestern arbeitete. Den Trainer habe ich dann angerufen, einen Termin in der Bank vereinbart, innerhalb von 90 Minuten ein erstes Trainingskonzept erstellt, gekündigt und das Training aufgebaut. Eigentlich wollte ich nie selber trainieren, als jedoch der Trainer in die USA ging musste ich meine Trainings selber umsetzen.

Das habe ich nur geschafft, weil ich mich parallel ständig fortgebildet habe wie z.B. in Psychosozialer Notfallversorgung, Sanitäter, Hospizbegleitung, Demenzhelfer und so weiter. Im Zuge der Trainings mit Bankern kamen dann Personaler, Betriebsräte, Führungskräfte und Vorstände auf mich zu, ob ich auch ihnen helfen kann. Heute arbeite ich auch viel mit Arbeitssicherheitskräften zusammen, wo es zum einen um eine Wiedereingliederung nach psychisch belastenden Extremsituationen geht, wie auch um Gefährdungsbeurteilung und Fürsorgepflicht des Arbeitgebers geht.

Die Themen Tod und Trauer sind immer noch, gerade im beruflichen Umfeld, mit Tabu behaftet. Wie groß sind die Widerstände die Sie für eine Beratung überwinden müssen.

Die Mehrzahl der Unternehmer glaubt, dass das in ihrem Unternehmen nicht passieren wird, was jedoch nicht stimmt. Die Großunternehmen sind beim Thema psychisch belastende Extremsituationen einigermaßen gut aufgestellt. Die 530.000 kleinen und mittelständischen Unternehmen sind jedoch wenig bis gar nicht auf die Situation vorbereitet. Unternehmer fragen mich immer was denn existenzielle Krisen von Mitarbeitern sein können. Das kann die Scheidung sein, der Tod eines Elternteils, Kindstod, Fehlgeburt, Herzinfarkt, Schlaganfall, Mobbing, Stalking, Suizid im Mitarbeiterumfeld, finanzielle Probleme oder Zeuge eines schweren Arbeitsunfalls zu sein. Die Widerstände sind ganz unterschiedlicher Natur. Vor einigen Jahren hatte ich mit einem Trauma-Spezialisten einen Termin mit einem Personalchef eines international tätigen Unternehmens vereinbart. Im Mutterland dieses Unternehmens gab es viele Jahre vorher eine Häufung von Suiziden, und der deutsche Personalchef wollte sinnvollerweise das Gespräch suchen um dem Vorzubeugen. Das stieß bei der Geschäftsleitung auf so heftige Gegenwehr, dass der Termin sofort abgesagt wurde. In dem Fall überwog die Angst, wenn dieser Termin an die Öffentlichkeit kommt, dass sich die Unternehmensleitung mit Spezialisten trifft, sei die Reputation gefährdet. Was natürlich Blödsinn ist.

Dann gibt es Unternehmen, die nicht lange zögern und sich professionelle Hilfe zum Beispiel in Form eines ersten Trainings suchen. Hier erinnere ich mich an ein mittelständisches Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern, wo es bei den Führungskräften, Personalern, Betriebsräten und der Geschäftsleitung so viele schwere Erkrankungen von Mitarbeitern, Traumata nach Überfällen, Todesfälle in der Belegschaft und große Probleme bei der Wiedereingliederung gab, dass ich eine Kollegin hinzugezogen habe, die als Militärpsychologin arbeitet.

Es gibt auch eine wirtschaftliche Seite, die zeigt, dass es sich lohnt, sich dem Thema zu widmen. Jeder Fehltag eines Mitarbeiter kostet dem Unternehmen durchschnittlich 409 € an Bruttowertschöpfung, weshalb wir in Deutschland von 305 Mrd. € Verlust an Bruttowertschöpfung in 2016 reden. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt verfügt derzeit über Mittel in Höhe von 345 Mrd. €. Wird im Fall der Fälle keine Hilfe angeboten kommt es nach einiger Zeit oft zu Kündigungen, was Unternehmen jedoch selten mit den eben genannten Situationen in Verbindung bringen. In dieser Situation wird es richtig teuer für Unternehmen. Personaler sprechen von Kosten bei Neueinstellungen von Mitarbeitern von 25.000 €, bei Führungskräften vom 1,5-fachen des Jahresgehalts.

Frühe professionelle Intervention führt erwiesenermaßen zu weniger Fehltagen, was übrigens beiden Seiten sehr gut tut.

Immer wieder bekommen Unternehmen Angebote wie Trauerbegleitung oder Traumatherapie angeboten, welche jedoch am Ende der Notfallpsychologischen Interventionskette stehen und nur zu 1,5% benötigt werden, wenn im Vorfeld wie in der Akutsituation gute Arbeit geleistet wurde.

Wir müssen über Digitalisierung sprechen. Das Thema ist omnipräsent. Auch in Ihrem Tätigkeitsfeld?

Ja, wir können Online viel positives bewirken, was vor allem bei international tätigen Unternehmen Wirkung zeigt, wie zum Beispiel über eine speziell geschaltete Seite im Intranet, wo auch die Kollegen in Übersee die Möglichkeit des Abschieds haben. Das gilt auch für den Internetauftritt und alle Social-Media-Kanäle.

Obwohl das Unternehmen etwas Gutes tun möchte, sehe ich oft sehr schlecht gemachte Seiten die zum Shitstorm führen können, weil zum Beispiel trotz des Todes von vier Mitarbeitern auf der Facebook-Unternehmensseite zum Grill & Chill eingeladen wird, und keinerlei Anteilnahme zu finden ist. Oder nach dem Suizid eines Vorstandes (mit schweren Anschuldigungen gegen den Verwaltungsrat) kommt drei Wochen später eine Produktlinie mit einem sinngemäßen Claim „Wir sind für ́s Leben“ auf den Markt. Hier darf sich keine Unternehmensleitung wundern, wenn das einen Shitstorm auslöst.

Um für diese Fälle gewappnet zu sein, empfehlen wir das präventive Hinzuziehen von externen Beratern und Kommunikationsspezialisten, die den Vorteil haben, emotional nicht betroffen zu sein, ausgebildet sind, und in der Situation Ruhe und Entschleunigung ins Unternehmen bringen. Selbiges gilt auch für Akutsituationen.

Wenn wir zurückkommen auf Trauma am Arbeitsplatz. Welchen einfachen Merksatz würden Sie allen Führungskräften auf den Weg geben?

Bewerten Sie nicht(s)!
Sie wissen nichts!
Fragen Sie!
Zuhören und Schweigen aushalten!

Wer sich diese vier kurzen Sätze merkt, und im Fall der Fälle umsetzt, hat vieles richtig gemacht und wird dann die richtigen Lösungen finden.

Welzel Ulrich